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Sachbuch & Wirtschaft
Veröffentlicht am 28. Oktober 2026· Aktualisiert am 28. Oktober 2026

724 Kilometer im Prospekt, 450 Kilometer im Fahrbericht: Was steckt hinter der Reichweite von E-Autos?

Kurz gesagt

Elektroautos werden immer leistungsfähiger. Die Reichweiten steigen, die Ladezeiten sinken. Trotzdem zeigen Fahrberichte teilweise deutliche Unterschiede zu den offiziellen Herstellerangaben. Woran liegt das? Und welche Zahlen helfen dir wirklich, das passende Elektroauto zu finden?

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Inhalt

  1. 1.Eine lange Fahrt und eine überraschende Zahl
  2. 2.Was bedeutet WLTP?
  3. 3.Die FAZ vergleicht offizielle Angaben mit Fahrberichten
  4. 4.Was passiert mit der Reichweite im Winter?
  5. 5.Warum verbrauchen Elektroautos bei Kälte mehr Strom?
  6. 6.Auch beim Laden lohnt sich ein genauer Blick
  7. 7.Wie viel kostet der höhere Stromverbrauch?
  8. 8.Was solltest du vor dem Kauf eines Elektroautos prüfen?
  9. 9.Beim gebrauchten Elektroauto kommt der Batteriezustand hinzu
  10. 10.Was wir aus den Reichweitentests lernen
  11. 11.Quellen

Eine lange Fahrt und eine überraschende Zahl

Stell dir vor, du planst eine Reise mit deinem neuen Elektroauto. Du hast dich bewusst für ein Modell mit grosser Batterie entschieden. Der Hersteller nennt eine Reichweite von 724 Kilometern.

Das klingt komfortabel. Du rechnest mit wenigen Ladestopps und freust dich auf die Fahrt.

Doch auf der Autobahn bemerkst du, dass der Stromverbrauch höher liegt als erwartet. Das Navigationssystem schlägt einen früheren Ladestopp vor.

Ist das ungewöhnlich?

Nicht unbedingt. Denn die Reichweite eines Elektroautos hängt stark davon ab, wo, wie schnell und bei welchen Temperaturen du fährst.

Das bedeutet nicht, dass mit deinem Auto etwas nicht stimmt. Die Ursache liegt häufig in den unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Reichweiten ermittelt werden.

Um das zu verstehen, lohnt sich zuerst ein Blick auf die Zahl, die in fast jedem Autoprospekt steht.

Was bedeutet WLTP?

Wer sich über Elektroautos informiert, begegnet früher oder später diesen vier Buchstaben: WLTP.

Die Abkürzung steht für Worldwide Harmonised Light Vehicles Test Procedure. Dahinter steckt ein international abgestimmtes Verfahren zur Messung von Verbrauch und Reichweite.

Einfach erklärt:

WLTP ist ein standardisierter Test, bei dem unter festgelegten Bedingungen gemessen wird, wie viel Strom ein Auto verbraucht und wie weit es damit fahren kann.

Der Test findet auf einem Prüfstand statt. Er dauert etwa 30 Minuten und bildet verschiedene Fahrsituationen nach, vom Stadtverkehr bis zu höheren Geschwindigkeiten. Die Messung der elektrischen Reichweite erfolgt unter kontrollierten Temperaturen, üblicherweise bei etwa 23 Grad.

Warum ist das sinnvoll?

Weil ein Auto in Hamburg unter denselben Prüfbedingungen bewertet werden soll wie eines in München oder Zürich. So erhalten Käufer eine einheitliche Grundlage, um verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen.

Der WLTP Wert ist deshalb eine wichtige Orientierung.

Er ist aber keine feste Zusage, dass du mit jeder Batterieladung genau diese Entfernung erreichst.

Im Alltag kommen weitere Faktoren hinzu:

  • Geschwindigkeit: Bei hohem Autobahntempo steigt der Energieverbrauch durch den Luftwiderstand.
  • Temperatur: Im Winter benötigen Innenraum und Batterie zusätzliche Energie zum Heizen.
  • Streckenverlauf: Steigungen, Gegenwind und nasse Fahrbahnen erhöhen den Verbrauch.
  • Fahrweise: Häufiges starkes Beschleunigen kostet zusätzliche Energie.
  • Beladung: Auch Gepäck und zusätzliche Passagiere beeinflussen den Verbrauch.

Bei günstigen Bedingungen und ruhiger Fahrweise lassen sich teilweise sogar bessere Ergebnisse als im Normtest erzielen.

WLTP und tatsächliche Reichweite beschreiben also unterschiedliche Dinge. Beide Werte sind nützlich, wenn man weiss, wie sie zustande kommen.

Die FAZ vergleicht offizielle Angaben mit Fahrberichten

Am 20. Oktober 2026 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Artikel „Wahre Werte“ von Holger Appel.

Die Redaktion hatte zahlreiche Elektroautos gefahren und die Erfahrungen aus ihren Fahrberichten mit den offiziellen Angaben verglichen.

Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede.

ElektroautoOffizielle WLTP ReichweiteFAZ FahrberichtUnterschied
Audi A6 Avant e-tron724 km450 km−38 %
BMW iX3 50 xDrive758 km540 km−29 %
Porsche Cayenne Turbo Electric615 km384 km−38 %
Mazda 6e Takumi Plus479 km300 km−37 %
Xpeng G6 Long Range525 km350 km−33 %
Volvo ES90664 km460 km−31 %

Quelle: FAZ, „Wahre Werte“, Ausgabe vom 20. Oktober 2026. Eigene Berechnung der prozentualen Abweichungen. Die Fahrberichte fanden unter unterschiedlichen Bedingungen statt und sind kein einheitlicher Vergleichstest.

Beim Audi A6 Avant e-tron beträgt der Unterschied zwischen dem offiziellen Normwert und dem ausgewerteten Fahrbericht beispielsweise 274 Kilometer.

Das ist eine beachtliche Differenz.

Allerdings wäre es nicht richtig, daraus zu schliessen, dass dieses Modell grundsätzlich nur 450 Kilometer weit fährt.

Bei günstigeren Temperaturen, niedrigerem Tempo oder einer anderen Strecke sind auch höhere Reichweiten erreichbar.

Die Zahlen zeigen deshalb vor allem eines: Für die persönliche Kaufentscheidung lohnt es sich, zusätzlich zum offiziellen WLTP Wert unabhängige Fahrberichte anzusehen.

Was passiert mit der Reichweite im Winter?

Der ADAC hat diese Frage im Januar 2026 genauer untersucht.

14 familientaugliche Elektroautos verschiedener Marken mussten eine simulierte Autobahnfahrt von München nach Berlin bewältigen.

Der Test fand bei einer Temperatur von 0 Grad statt. Die Fahrzeuge starteten mit kalter Batterie, und das Fahrprofil orientierte sich an einer realen Autobahnstrecke.

Keines der 14 getesteten Fahrzeuge bewältigte die vollständige Strecke ohne Ladestopp.

Das bedeutet aber nicht, dass Elektroautos für Winterreisen ungeeignet sind.

Vielmehr zeigt der Test, wie wichtig die Kombination aus Energieverbrauch, nutzbarer Batteriekapazität und schneller Ladefähigkeit ist.

Ein gutes Beispiel liefert der Audi A6 e-tron. Er erreichte im ADAC Wintertest 441 Kilometer und überzeugte zugleich mit seiner Ladeleistung. Dadurch schnitt er bei der Langstreckenbewertung besonders gut ab.

Das ist ein wichtiger Punkt: Ein Elektroauto muss nicht die grösste Batterie besitzen, um auf langen Strecken angenehm zu sein. Ein niedriger Verbrauch und kurze Ladepausen tragen ebenso dazu bei.

Warum verbrauchen Elektroautos bei Kälte mehr Strom?

Elektroautos arbeiten besonders effizient. Ein grosser Teil der Energie aus der Batterie gelangt tatsächlich an die Räder.

Das ist einer ihrer wesentlichen technischen Vorteile.

Allerdings entsteht dadurch weniger nutzbare Abwärme als bei einem Verbrennungsmotor.

Im Winter muss das Fahrzeug zusätzliche Energie aufbringen, um den Innenraum zu heizen. Auch die Batterie benötigt für einen guten Betrieb bestimmte Temperaturen.

Viele moderne Elektroautos verfügen deshalb über Wärmepumpen und eine intelligente Batterietemperierung.

Diese Technik hilft, den Energiebedarf zu reduzieren.

Auch die Vorbereitung der Fahrt spielt eine Rolle. Wer sein Elektroauto während des Ladens vorheizt, nutzt dafür Strom aus dem Netz und spart Batterieenergie für die anschliessende Fahrt.

Auf längeren Strecken kommt ein weiterer Faktor hinzu: die Geschwindigkeit.

Bei 130 km/h benötigt ein Fahrzeug deutlich mehr Energie zur Überwindung des Luftwiderstands als bei 100 km/h.

Das betrifft Elektroautos ebenso wie Benzin- und Dieselfahrzeuge.

Der Unterschied liegt vor allem darin, dass sich der höhere Energiebedarf beim Elektroauto unmittelbar in einer geringeren angezeigten Reichweite bemerkbar macht.

Auch beim Laden lohnt sich ein genauer Blick

Neben der Reichweite ist die Ladegeschwindigkeit für viele Käufer entscheidend.

Hersteller nennen häufig die maximale Ladeleistung eines Elektroautos, beispielsweise 150 oder 200 Kilowatt.

Das ist eine wichtige technische Angabe.

Sie beschreibt aber die höchste Leistung, die das Fahrzeug unter geeigneten Bedingungen aufnehmen kann.

Während des Ladevorgangs verändert sich die Ladeleistung. Besonders bei höherem Batteriestand wird sie meist reduziert, um die Batterie zu schonen.

Deshalb ist eine weitere Angabe für die Praxis hilfreich:

Wie lange benötigt das Fahrzeug, um seine Batterie von 10 auf 80 Prozent zu laden?

Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Modellen.

Ein Fahrzeug mit hoher Spitzenleistung muss nicht zwangsläufig schneller laden als ein Modell mit etwas niedrigerer Spitzenleistung. Entscheidend ist der Verlauf der gesamten Ladekurve.

Für Langstreckenfahrer lohnt es sich daher, unabhängige Ladetests zu vergleichen.

Wie viel kostet der höhere Stromverbrauch?

Reichweite und Energieverbrauch beeinflussen auch die laufenden Kosten.

Nehmen wir zwei Elektroautos:

Das erste benötigt im Alltag durchschnittlich 18 Kilowattstunden auf 100 Kilometer.

Das zweite benötigt 25 Kilowattstunden.

Bei einer jährlichen Fahrleistung von 15.000 Kilometern ergibt sich folgender Unterschied:

Auto AAuto B
Verbrauch je 100 km18 kWh25 kWh
Jahresverbrauch2.700 kWh3.750 kWh
Stromkosten bei 0,40 €/kWh1.080 €1.500 €

Der Unterschied beträgt 420 Euro pro Jahr.

Vereinfachtes Rechenbeispiel ohne zusätzliche Ladeverluste und unterschiedliche Ladetarife.

Über mehrere Jahre summieren sich solche Unterschiede.

Deshalb lohnt es sich, bei der Fahrzeugwahl auf den tatsächlichen Energieverbrauch zu achten, statt ausschliesslich die maximale Reichweite zu vergleichen.

Ein effizientes Elektroauto mit einer mittelgrossen Batterie kann für deinen Alltag die bessere Wahl sein als ein schwereres Fahrzeug mit besonders grossem Akku.

Was solltest du vor dem Kauf eines Elektroautos prüfen?

Die Auswahl an Elektroautos ist inzwischen gross. Das ist eine gute Entwicklung, denn unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Wer überwiegend in der Stadt unterwegs ist, stellt andere Anforderungen als jemand, der jede Woche mehrere Hundert Kilometer auf der Autobahn fährt.

Für eine gute Entscheidung helfen fünf Fragen.

1. Wie sieht mein tatsächliches Fahrprofil aus?

Fährst du meist kurze Strecken oder häufig längere Autobahnetappen? Davon hängt ab, welche Reichweite du wirklich benötigst.

2. Welche Reichweite erreicht mein Wunschauto auf der Autobahn?

Vergleiche neben dem offiziellen WLTP Wert auch unabhängige Tests bei höheren Geschwindigkeiten.

3. Wie verändert sich die Reichweite im Winter?

Achte auf Tests bei niedrigen Temperaturen. Sie helfen dir, längere Fahrten realistisch zu planen.

4. Wie schnell lädt das Fahrzeug tatsächlich?

Prüfe die Ladezeit von 10 auf 80 Prozent und die Reichweite, die du während einer kurzen Pause nachladen kannst.

5. Welche Batterie und Ausstattung bietet das konkrete Modell?

Unterschiedliche Batteriegrössen, Motorvarianten und Ausstattungen beeinflussen Verbrauch und Reichweite. Vergleiche immer die Angaben zur genau angebotenen Fahrzeugversion.

Beim gebrauchten Elektroauto kommt der Batteriezustand hinzu

Wer ein gebrauchtes Elektroauto kaufen möchte, sollte neben Verbrauch und Reichweite auch den Zustand der Hochvoltbatterie prüfen.

Dabei spielt der sogenannte State of Health, kurz SoH, eine wichtige Rolle.

Dieser Wert beschreibt vereinfacht, wie viel von der ursprünglichen Batteriekapazität noch zur Verfügung steht.

Ein SoH von 90 Prozent bedeutet näherungsweise, dass die Batterie noch 90 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität besitzt.

Das ist zunächst eine technische Information. Ob der Wert für ein konkretes Fahrzeug gut oder weniger gut ist, hängt unter anderem vom Alter, der Laufleistung und dem Batterietyp ab.

Auch ein Fahrzeug mit gutem SoH erreicht im Alltag nicht automatisch seine ursprüngliche WLTP Reichweite. Temperatur, Fahrweise und Streckenprofil beeinflussen sie weiterhin.

Deshalb ist ein unabhängiger Batteriecheck beim Gebrauchtwagenkauf hilfreich. Er ergänzt die Probefahrt und die Prüfung der Wartungsunterlagen.

In meinem Hörbuch „E Auto gebraucht kaufen: Prüf den Akku, nicht den Lack“ erkläre ich, worauf du beim Batteriezustand, bei der Probefahrt und beim Vergleich gebrauchter Elektroautos achten solltest.

Zum Hörbuch „E Auto gebraucht kaufen: Prüf den Akku, nicht den Lack“ mit Hörprobe

Was wir aus den Reichweitentests lernen

Die Elektromobilität hat in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht.

Viele Elektroautos bieten heute eine hohe Reichweite, einen niedrigen Energieverbrauch und kurze Ladezeiten.

Zugleich zeigen unabhängige Tests, dass sich die Eigenschaften der einzelnen Modelle deutlich unterscheiden.

Der WLTP Test ist dafür eine wichtige gemeinsame Vergleichsgrundlage. Er hilft, Fahrzeuge unter einheitlichen Bedingungen zu bewerten.

Fahrberichte und Wintertests ergänzen diese Angaben um Erfahrungen aus anderen Fahrsituationen.

Beides gehört zu einer guten Kaufentscheidung.

Wünschenswert wären deshalb leicht zugängliche Angaben für drei typische Situationen:

  • Offizielle Reichweite nach WLTP
  • Reichweite bei einer sommerlichen Autobahnfahrt
  • Reichweite bei einer winterlichen Autobahnfahrt

Mit einheitlichen Testbedingungen würden solche Angaben den Vergleich noch verständlicher machen.

Denn für die meisten Käufer ist am Ende nicht entscheidend, welche Zahl im Prospekt am grössten ist.

Entscheidend ist, welches Elektroauto zu ihrem Alltag passt und ihre Erwartungen erfüllt.


Quellen

  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Holger Appel, „Wahre Werte“, Printausgabe vom 20. Oktober 2026, Onlineausgabe vom 21. Oktober 2026.
  2. ADAC: Stresstest E Autos im Winter, Januar 2026
  3. ADAC: Reichweite und Verbrauch von Elektroautos im Winter
  4. ADAC: Stromverbrauch aktueller Elektroautos im Vergleich
  5. TCS Schweiz: Wintertest familientauglicher Elektroautos, Januar 2026

Stand: 28. Oktober 2026. Die genannten Testergebnisse beziehen sich auf die jeweiligen Modelle und Testbedingungen. Sie sind keine garantierten Reichweiten für jede Fahrt.

Über die Autorin

Doris Nutzhorn

Ich veröffentliche eigene Hörbücher und teste, wie sich KI-gesprochene Titel im Alltag anhören – auf Apple Books, Google Play Bücher und Spotify. Alle Einschätzungen hier stammen aus eigenem Hören und eigener Produktion.

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2026

Belege nachlesen: Quellenverzeichnis

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